Gegen 8:00 Uhr wache ich auf und kann schon hören, dass es immer noch regnet. Gestern Abend hatte es schon leicht angefangen zu regnen und auf einmal waren die Straßen in denen es tagsüber noch von Menschen gewimmelt hatte fast menschenleer. Aber so ein paar Regentropfen konnten uns von einem Spaziergang nicht abhalten, schließlich war es unser letzter Abend in Amsterdam.
20:32 Uhr – die Abfahrtszeit des CityNightLine nach München. Beim Klamotten einpacken trödeln wir ein bisschen, denn für den letzten Tag haben wir keinen konkreten Plan was wir anstellen wollen. Als wir dann endlich fertig sind, unsere Radltaschen an der Rezeption bis zum Abend deponiert haben, hat der Himmel aufgeklart, es regnet nicht mehr und wir machen uns auf den Weg in die Stadt, erst mal Kaffeetrinken. Da ich mir gerne das Anne-Frank-Museum ansehen würde machen wir uns danach auf den Weg dorthin. Angekommen müssen wir dann zu unserem Entsetzen feststellen, dass dort eine endlos lange Schlange auf Einlass wartet. Uns dort anzustellen haben wir beide keine Lust und wir schlendern weiter durch die Straßen der Stadt. Ein paar letzte Fotos geschossen, Käse gekauft, Cappuccino getrunken und nochmal den “ganz speziellen Duft” der Koffeeshops eingeatmet. So geht der Tag vorbei und wir machen uns auf den Rückweg zum Hotel, wo unser Gepäck und unsere Drahtesel auf uns warten. Natürlich sind wir viel zu früh am Bahnhof, dessen Gebäude von außen zwar wunderschön ist, innen aber nicht viel zu bieten hat. Hier haben wir keineswegs Lust zweieinhalb Stunden neben unseren Rädern stehend zu warten. Ich begebe mich auf die Suche nach Schließfächern und werde – wie könnte es anders sein – am anderen Ende des Bahnhofs fündig. Auch hier sind die Niederländer fortschriftlicher als wir; bezahlt wird mit der Kreditkarte, es gibt keinen Schlüssel sondern ein Ticket mit welchem hinterher die Tür wieder zu öffnen ist. Dann bringen wir unsere Räder zum “Fietsparkeren op Stationseiland Amsterdam Central” , also ins Fahrradparkhaus und wir drehen noch mal eine letzte Runde durch die Stadt. Nachdem wir dann beim Fast-Food-Chinesen noch einen Imbiss genossen haben war die Zeit dann doch recht kurzweilig.

 P1020023 (1024x768) P1020024 (768x1024) P1020026 (1024x768)

Wir sind noch nicht lange auf dem Bahnsteig, da erscheint unser Zug auch schon auf der Anzeigentafel.

P1020027 (1024x768)

Nach vier Tagen Großstadtmarathon habe ich platte Füße und bin froh, wenn wir denn gleich endlich im Zug sitzen. Ja, wäre das schön; eine halbe Stunde vor Abfahrt erscheint oben auf der Anzeigentafel der dezente Hinweis: + 15 Minuten. Aus diesen fünfzehn Minuten werden dann später + 30 Minuten und zum Schluss kommt der Zug eine ganze Stunde später. Bin ich froh, als der Zug endlich einläuft, durch die nervige Warterei ist mir inzwischen auch kalt geworden. Für die Radln ist heute ein ganzes Abteil reserviert; mehr als 30 Räder würden hier Platz finden, da hätten wir uns die Reservierung sparen können – aber weiß man’s? Nachdem wir uns mit unserem Gepäck durch zwei Schlafwagenabteile gekämpft haben finden wir endlich die für uns reservierten Plätze. Diese sind im Großraumabteil und der Komfort ist mit unseren Plätzen auf unserer Fahrt nach Bremen nicht zu vergleichen. Überhaupt scheint dieser Wagon seine besten Tage lange hinter sich zu haben. Die Rücklehnen der Sitze lassen sich nicht richtig arretieren, das Fensterrollo befindet sich nur noch auf einer Seite in der Laufschiene und die Leselampen die jeweils oben im Sitz integriert sind kann man gelinde gesagt nur als Funzel bezeichnen. Auch im Abteil selbst ist es recht schummrig. Na ja, liegt vielleicht daran, dass einige schon die Rollos runtergezogen haben. Dies bleibt so ungefähr bis Arnheim, dort wird dann von einer hektisch hin und herlaufenden Schaffnerin die Deckenbeleuchtung eingeschaltet. Das Licht der Neonröhren vertreibt schlagartig die Dunkelheit. Unsere Schaffnerin läuft weiter hektisch hin und her, drückt hier und da einen Knopf und auch draußen am Zug seh ich sie hin- und herlaufen. Irgendwas scheint nicht in Ordnung zu sein. Gesprächig ist sie nicht und wir erfahren nicht was los ist, nur soviel, das Licht bleibt an, damit die noch einsteigenden Passagiere ihre Sitze finden. ??? Hat dieser Wagon etwa keine Notbeleuchtung? Wenigstens weiß ich jetzt, warum die Leselampen nur solche Funzeln sind, bei solchen Deckenflutern sind sie vollkommen überflüssig.
Zum Glück trage ich heute einen Kapuzenpulli. Die Kapuze ziehe ich mir tief ins Gesicht und kann so wenigstens ein bisschen schlafen.
Nach einer Fahrt quer durch die Republik kommen wir schlussendlich mit einer Verspätung von zwei Stunden, fünfzehn Minuten, ein wenig müde, aber wohlbehalten in München an. Der Zug für die Weiterfahrt nach Regensburg ist natürlich längst weg. Beim Blick in den Computer, wann der nächste fährt erleben wir dann die nächste Überraschung. Wegen Gleisarbeiten auf einer Teilstrecke fällt jeder zweite Zug aus und der nächste fährt erst um 10:44 Uhr. Schon wieder warten. Leider erfüllt sich auch die Hoffnung, dass der Zug um diese Zeit vielleicht nicht so voll ist, nicht. Wie sollte es auch, wenn nur jeder zweite Zug fährt.
Nach fünfzehn Stunden kommen wir am 28. Juni um kurz vor zwölf nach einem wunderschönen Urlaub endlich zu Hause an. Es wird nicht unser letzter Radlurlaub gewesen sein! Wir planen nämlich schon wieder!

P1010960

…heißt nichts anderes als: “Hier keine Fahrräder abstellen!”
Was ich bei unseren Spaziergängen in Groningen schon begonnen hatte, setze ich hier in Amsterdam fort. Ich versuche alle möglichen Schilder und Werbungen zu lesen und zu verstehen. Angefangen hatte es in Groningen bei einem Pizza-Lieferservice, der ein Schild im Fenster hängen hatte “Bezorgers gevraagd”. Wenn man diesen Buchstabensalat einfach stur abliest, offenbart sich häufig der Sinn dahinter. Und so lerne ich Tag für Tag ein bisschen mehr der einheimischen Sprache. Auf der Zugfahrt nach Zandvoort hatte ich mir eine Zeitung gegriffen und konnte den meisten Artikeln zumindest den Sinn entnehmen. Unser Trip entwickelt sich somit zur Bildungsreise. Strebersmiley

P1010645 (1024x768)P1010646 (1024x768)P1010774 (1024x768)

Wie bereits in Groningen, bestimmen auch hier die Fietsen das Straßenbild, zumindest im Centrum sind sie das bevorzugte Fortbewegungsmittel. Hier kommen allerdings noch Roller hinzu, die praktischerweise Bromfietsen heißen. Autos finden nur auf den größeren Straßen statt und kommen in der Verkehrshierarchie ganz am Schluss. Sowohl Fietsen als auch Bromfietsen werden immer mit der maximal möglichen Geschwindigkeit bewegt, wobei die zahlreich vorhandenen Ampeln nicht zwingend verkehrsregulierende Wirkung haben. Sie sind eher als nettgemeinte Hinweise gedacht. Hauptargumente der Verkehrsregelung sind Fahrradklingeln und Hupen. Beide Instrumente werden häufig und vehement zum Einsatz gebracht. So entsteht, gemeinsam mit den Tausenden von Fußgängern ein unglaubliches Chaos, was aber nie zu Problemen führt, keiner schreit oder schimpft, irgendwie nimmt dann doch wieder jeder Rücksicht auf den anderen und der Verkehr fließt zügig dahin. Einfach herrlich!
Noch ein Wort zu den Fahrrädern, wie schon in Groningen wirkt der Großteil der Fietsen sehr alt und verrottet, was mich zu der Annahme bringt, dass es die Dinger bereits im “Used-Look” zu kaufen gibt. Neuwertige Modelle sind kaum zu sehen, was wahrscheinlich auch keinen Sinn macht, denn wenn einmal eines der geparkten Fietsen umkippt, folgen in der Regel, aufgrund der Enge auf den Parkplätzen sogleich mehrere Drahtesel nebenan ebenfalls dem Gesetz der Schwerkraft. Ein solcher Domino-Effekt veranlasst den Verursacher des Um-Falls aber keineswegs sich umzusehen oder
die Räder gar aufzuheben. Fietsen haben liegend auf der Straße ja auch Platz. Alle Fietsen sind äußerst spartanisch ausgestattet, Beleuchtung ist meist nur rudimentär vorhanden oder dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen. Gangschaltung, Felgen- oder gar Scheibenbremsen werden als überflüssiger Tand erachtet und finden nicht statt, eine Rücktrittbremse ist das einzige Werkzeug zur Verzögerung. Wichtigstes Mobiliar an den Fietsen ist eine große, deutlich hörbare Klingel. Der brave deutsche Gesetzeshüter würde beim Anblick eines solchen Gefährtes augenblicklich kollabieren. Oft sind auch Sonderaufbauten zu beobachten, am Häufigsten ein Schubkarren-artiger Vorderbau, in dem man 2 oder 3 Kinder, den Einkauf für die ganze Woche oder schon mal einen Teil des Hausrats transportieren kann.

P1010782 (1024x768)P1010698 (1024x768)P1010765 (1024x768)P1010969P1010970P1020001P1010971P1010990P1020002

Bei unseren Spaziergängen durch die Gassen der Stadt liebe ich es in einem der kleinen Straßencafes zu verweilen. An jeder Ecke und in jeder Gasse findet man diese kleinen Cafes, Restaurants, Bars oder Snack-Büdchen. Sie versprühen ein unglaubliches Flair, das Mobiliar ist alt und sieht auch so aus, in vielen dieser Läden ist eine Katze zu Hause, die schon mal auf dem Tisch oder zumindest auf einem der Stühle schläft. Mal dienen zusammengenagelte Euro-Paletten als Theke, oft ist die Küche offen einsehbar oder eben direkt an der Theke, die angebotenen Speisen liegen offen, manchmal sogar im Schaufenster rum, die Beamten der deutschen Gewerbeaufsicht würden sich angesichts dieser Missstände kollektiv in den Grachten ertränken. Solche Cafes sind bei uns leider vollständig ausgestorben. Es ist einfach ein Teil der Kultur hier, ohne die die Stadt wohl kaum solch eine Anziehungskraft hätte.
P1010954P1010773P1010939
Nicht zu verwechseln sind die Eck-Cafes mit den Koffieshops, in denen allerlei Leckeres aus aller Welt für den geneigten Kenner der Realitätsflucht angeboten wird. Diese Läden sind deutlich zu erkennen, an dem unverwechselbaren Geruch, der ihnen und den zahlreichen Geschäften, die ein buntes Allerlei an Sämereien, Leckereien und Werkzeugen zum Anbau und Verzehr anbieten, entströmt. Immer wieder zieht auf den Straßen mal eine Wolke an einem vorbei, ich bin geneigt zu glauben, es gibt diesen Duft auch als Parfum. Lollypops und Schokolade (Candelade, wie originell) hab ich gesehen. Vielleicht sind es aber auch nur die Typen, die ihren Urlaub in diesen Koffieshops verbringen, die den Duft sozusagen mit sich tragen. Man sieht zu jeder Tages- und erst recht zur Nachtzeit Gestalten, mit Pupillen groß wie Tennisbälle, bei denen man sicher gehen kann, dass sie spirituell unseren Planeten bereits verlassen haben. Guten Flug, Jungs und Mädels!
Uns gefällt es auch ohne diesen Treibstoff hier in Amsterdam. Wohl nirgendwo auf der Welt findet man solch einen irren Mix der Kulturen vor solch umwerfender historischer Kulisse. Babylonisches Sprachengewirr im Bühnenbild der Grachten und der wunderschönen, vielfältigen und vor allem liebevoll erhaltenen Häuschen. So sehr ich bedauert habe, das wir aufgrund des miesen Wetters unsere Radtour abbrechen mussten, umso mehr genieße ich jede Stunde hier in dieser Stadt. Es ist ein Flair, das sich mit absolut nichts vergleichen lässt, das muß man einfach selbst erlebt haben, erzählen oder beschreiben geht definitiv nicht!

… nein, nicht solch ein Trip; obwohl der eine oder andere Tourist in Amsterdam sich sicher am Meer wähnt, nachdem er / sie sich eine der hier ganz legal verkauften Drogen einverleibt hat. In einem der über 200 Coffeeshops findet sicher jeder was er haben will. Total krass finde ich ja die Lollies, die wirklich aussehen wir Kinderlutscher. Es gibt sogar ein Hash, Mariuhana & Hemp Museum.

P1050317 (1024x768)_thumb[3] P1050321 (1024x683)_thumb[2] P1050332 (1024x768)_thumb[2] P1050337 (1024x768)_thumb[3] P1050410 (1024x768)_thumb[1]

Aber wie schon gesagt,, auf einem solchen Trip waren wir nicht. Nachdem wir unsere Tour ja so vollkommen umkrempeln mussten wollten wir wenigstens nochmal für einen Tag an die Nordsee. Am nächsten schien uns Zandvoort aan Zee zu sein und so haben wir uns, nachdem das Wetter gut war – auf den Weg gemacht. Die niederländische Bahn brachte uns in genau 31 Minuten von Amsterdam nach Zandvoort und damit mal wieder in eine vollkommen andere Welt. Obwohl es in Amsterdam auch ruhige Ecken gibt, es ist eine Großstadt und die hat nun mal einen gewissen Lärmpegel. In Zandvoort war das Lauteste das Rauschen der Nordsee. Wie wir es gewohnt sind, war natürlich mal wieder Ebbe. Das heißt hier jedoch nicht, dass das Meer verschwindet, es zieht sich lediglich zurück, der Sandstrand wird größer, ideal um einen langen Strandspaziergang zu machen, was wir dann auch ausgiebig nutzen. Es ist noch nicht viel los, vielleicht liegt es am mäßigen Wetter oder die Saison beschränkt sich hier wirklich nur auf Juli und August. Egal, uns jedenfalls gefällt es gut. Ja und weil Seeluft hungrig macht, gibt es auch mal wieder das obligatorische Fischbrötchen – lecker.
Nachdem wir etliche Meter am Strand entlanggewandert sind müssen wir erst mal sehen, was hinter den Sanddünen zu finden ist. Den ganzen Strand entlang gibt es etliche Strandcafés und fast jedes verfügt über einen eigenen Dünenaufgang. Wir aber ziehen es vor, keinen dieser Wege, sondern den Aufgang ohne Restaurant – nämlich den steilsten Weg zu nehmen. Es ist anstrengend eine Düne zu erklimmen; bei jedem Schritt hat man das Gefühl ein wenig wieder nach unten zu rutschen. Schließlich jedoch haben wir den Gipfel erreicht und zurück zum Bahnhof nehmen wir den asphaltierten Weg durch die Dünenlandschaft.

P1050696 (1024x768) P1050720 (1024x768) P1050725 (1024x768) P1050707 (1024x768)

 

Man kann nicht über Amsterdam berichten ohne die Straßenkunst zu erwähnen. Als erstes fallen mir die vielen Graffitis auf. Sicher, auch hier wurde teilweise nur einfach was hingeschmiert das nicht erwähnenswert ist; aber teilweise sind wirklich gute Sachen dabei.

P1050479 P1010982 P1010987

Und anders als bei uns werden diese Graffitis nicht möglichst schnell wieder entfernt, nein, sie gehören zum Straßenbild, sind ein Teil der Kultur Amsterdams. Hier kräht kein Hahn danach, wenn eine ganze Hausfassade künstlerisch aufgemotzt wird; auch wenn der Anstrich nicht durch eine professionelle Malerfirma erfolgt.

P1050473 - Kopie (768x1024) P1050474

Auf dem Waterlooplein, dort wo der größte ständige Flohmarkt stattfindet, sind sämtliche Container in denen die Aussteller ihre Ware aufbewahren, mit kunstvollen Bildern verschönert. So ist der Waterlooplein nicht nur während der Flohmarktzeiten interessant, sondern auch wenn alles geschlossen ist. Es gibt halt immer was zu gucken.

P1020016 P1050537P1020014 P1050543P1050536 P1050544

Eine andere Form der Straßenkunst sind die Straßenkünstler. Während unseres Besuchs in Amsterdam waren dies z. B. Einzeldarsteller wie ein Einradfahrer oder ein Feuerschlucker aber auch eine Brassband, die mir wirklich gut gefallen hat und die mit ihrer fröhlichen Musik eine große Schar Zuschauer anzog.

P1050351 P1050357 P1050363

P1050462 (1024x576)

11:54 Uhr – Amsterdam Central; pünktlich kommt unser Zug aus Enkhuizen in Amsterdam an. Nun sind wir also erheblich früher als gedacht in der Hauptstadt der Niederlande angekommen. Wir steigen aus dem Zug und merken gleich, dass wir in einer großen Stadt sind – es wimmelt von Menschen. In Holland fällt auf, dass man fast überall freies WLAN hat (außer in unseren beiden letzten Hotels) und so konnten wir auf der Fahrt hierher noch schnell nach einem Hotelzimmer für die nächsten Tage suchen. Gefunden haben wir das Hotel Allure, welches im grünsten Teil des Stadtzentrums von Amsterdam liegt. Nach etwa 20 Minuten haben wir unser Quartier gefunden; das Zimmer ist klasse und unsere Drahtesel finden im Garten eine sichere Unterkunft.
Das Wetter macht inzwischen einen wirklich guten Eindruck und wir begeben uns sogleich auf den Weg die Stadt zu erkunden. Ich bin nicht zum ersten Mal hier, aber immer wieder fasziniert. Es kommt mit vor, als wäre jeder Winkel dieser Welt irgendwo in dieser Stadt zu finden, so vielfältig ist sie. So vielfältig sind auch die Kulturen die vertreten sind. Wenn es einen multikulturellen Ort auf dieser Welt gibt, dann sicher hier. Amsterdam hat ein ganz besonderes Flair welchem ich mich nicht entziehen kann. Die Grachten über die viele kleine Brücken führen, die Backsteinhäuser mit den verschiedenen Giebeln und die teilweise wirklich engen Gassen haben etwas Gemütliches auch wenn man sich in einer Großstadt befindet. Der Stilmix auf Norderney war scheußlich anzusehen, aber hier passt alt und neu hervorragend zusammen.

P1050436 (1024x768) P1050442 (1024x768) P1050490 (1024x768)

Waren wir der Meinung, dass es in Groningen schon Unmengen an “Fietsen” (Fahrräder) gegeben hat, so werden wir hier eines besseren belehrt. Auf einer Stadtrundfahrt durch die Grachten erfahren wir, dass es in Amsterdam 1,6 Mio. “Fietsen” gibt. Es kommen also auf jeden Einwohner dieser Stadt zwei, denn Amsterdam hat ca. 800.000 Einwohner. Wie viele dieses Fortbewegungsmittels schon seit etlichen Jahren auf dem selben Platz geparkt sind möchte ich nicht wissen; aber zweihunderttausend der “Fietsen “ werden jährlich durch die Stadtreinigung aus den Grachten gezogen. Anscheinend handelt es sich dabei um die hiesige Art sein “Fietsen”  würdevoll zu entsorgen. Bei uns würden von den 1,6 Millionen sicher nicht mal die Hälfte als verkehrstauglich eingestuft werden. Keine Lampe, keine Gangschaltung, lediglich eine Rücktrittbremse, keine Katzenaugen – so dürfte bei uns kein Rad auf die Straße. Die Niederländer sind trotzdem – auch in der Stadt – recht flott auf ihren “Fietsen” unterwegs und es muss einer von ihnen gewesen sein, der die Fahrradklingel erfunden hat. Manch einer bedient dieses Fahrradteil während der ganzen Fahrt.
Es gibt mehrere Möglichkeiten die Stadt zu erkunden. Wir tun dies hauptsächlich zu Fuß; aber eine Fahrt mit einem der vielen Boote durch die Grachten von Amsterdam muss schon sein und wir lernen die Stadt ein wenig aus Sicht der Hausbootbesitzer kennen.

 

P1050584 (1024x768) P1050588 (1024x768) P1050598 (1024x768)P1050619 (1024x768) P1050632 (1024x768) P1050638 (1024x768)


Der Freitagmorgen in Emden schaut in zwei sehr frustrierte Gesichter! Es regnet, ja schüttet, so dass nicht daran zu denken ist, die 10km zum Bootanleger zurückzulegen und dann womöglich noch längere Zeit im Freien auf das Schiffchen zu warten. Wir versuchen eine Zugverbindung nach Groningen zu finden und kippen fast aus den Latschen, als uns die DB über Rheine, quer durch die Niederlande ins nicht allzu weit entfernte Groningen schicken will. Zunächst falle ich fast vom Glauben ab, allerdings will ich noch nicht aufgeben und suche nach Teilstrecken, um auf kürzerem Wege ans Ziel zu kommen. Und tatsächlich finde ich eine Direktverbindung von Bad Nieuweschans an der holländisch-deutschen Grenze nach Groningen (mit Fahrradmitnahme) und kriege auch noch raus, dass dieser Zug sogar ab Leer fährt. Allerdings will mir das Internetportal der DB weismachen, dass der Zug auf diesem Teilstück von Leer bis zur Grenze keine Fahrräder mitnehmen will. Glaub ich doch sofort, liebe Bahn! Also fahren wir die ca. 2 km zum Bahnhof nach Emden und kommen dort vollkommen durchnässt an. Wir fahren mit der deutschen Bahn bis Leer und, man staune, mit dem niederländischen ARRIVA direkt von Leer nach Groningen. Mit Fahrrädern!
Groningen gefällt mir außerordentlich gut, naja zumindest das Centrum der Stadt, denn mehr haben wir auf den einen Tag leider nicht gesehen. Eine sehr schöne Stadt, mir vielen kleinen Häuschen, engen Gassen aber auch weiten, offenen Plätzen und großen Kirchen. Ein, von außen sehr historisch anmutendes Gebäude entpuppt sich allerdings als Supermarkt. Die Stadt wird dominiert von jungen Leuten, wohl in der Mehrzahl Studenten und gefühlten 10 Millionen Fahrrädern. Alle fahren kreuz und quer und man erwartet, dass es jeden Moment irgendwo scheppert, aber irgendwie geht es immer gut. Anscheinend hat dieser Wahnsinn Methode!
Am nächsten Morgen schlafen wir zunächst mal etwas länger und begeben uns dann zum Bahnhof und auf den Weg zum IJsselmeer. Das Wetter hatte sich etwas beruhigt, sogar die Sonne blitzte einmal kurz durch die Wolken. Also fuhr uns der ARRIVA über Leeuwarden nach Stavoren ans IJsselmeer und dort gefroren uns beim Aussteigen nicht nur die Gesichtszüge! Es goss wieder in Strömen und dazu kam ein eisiger Sturm,  der den Aufenthalt im Freien nahezu unmöglich machte. Wir suchten uns also ein Cafè, um die 90 Minuten bis zur Abfahrt unseres Schiffes zu überbrücken. Das Schiff sollte uns nach Enkhuizen, auf der Westseite des IJsselmeeres bringen. Während der Überfahrt schüttete es, wie aus Kübeln. Unsere Fahrräder standen am offenen Deck und ich beobachtete von drinnen, wie sie nicht nur von oben beregnet wurden sondern auch noch reichlich mit salzigem Meerwasser übergossen wurden. Wahrscheinlich wird mein treues Schnucki und das edle schwarze Ross meiner Mitstreiterin nach dieser Salzwasserdusche dem Korrosionstod anheimfallen! Wir werden beide zu Hause erst mal gründlich pflegen müssen.

P1010650 (1024x768) P1010652 (1024x768) P1010654 (1024x768)

P1010656 (1024x768) P1010657 (1024x768) P1010658 (1024x768) P1010660 (1024x768)

Nach knapp 100 Minuten sehr wackeliger Überfahrt kamen wir wohlbehalten und ohne seekrankheitsbedingte Ausfälle in Enkhuizen an und mussten feststellen, dass unser Hotel doch einige Kilometer außerhalb des kleinen Fischerdorfes gelegen war. Wir hatten wohl gesehen, dass der Name des Ortes Bovenkarspel lautete, in Google Maps sah das aber alles sehr nah beieinander aus. So kann man sich täuschen. Nachdem wir eine Ehrenrunde gedreht und uns schließlich an einer Tankstelle kundig gemacht hatten, kämpften wir uns also in Sturm und wieder einsetzendem Regen unserem Hotel entgegen. Die Eindrücke, die da auf uns wirkten, waren doch sehr eigenartig. Das Hotel und Restaurant sah von außen ordentlich groß und recht solide aus. Erstes Stirnrunzeln dann, als wir aufgefordert wurden, unsere Fahrräder ins Haus zu holen und in einem verschlossenen Saal abzustellen. In diesem Saal waren alle Tische komplett eingedeckt, allerdings mit einer dicken Staubschicht überzogen. Diese und der Geruch ließen vermuten, dass die goldenen Zeiten dieses Hauses schon einige Jahre zurückliegen würden. Dann ging es über mehrere steile Stufen hinauf ins Zimmer, welches, wohlwollend formuliert, doch recht einfach ausgestattet war. Und die letzte Renovierung wurde sicher auch noch mit Gulden bezahlt. Zu allem Überfluss war auch keine Verbindung zum hauseigenen WLAN herzustellen und meine Versuche, mit dem Kellner, der den Check-In mit uns gemacht hatte eine Lösung zu finden, scheiterten an seinem Unwissen oder Desinteresse. Ich weiß es nicht genau, wahrscheinlich eine Mischung aus beiden. Der Code, den er mir gegeben hatte funktionierte jedenfalls nicht, er wusste aber keinen anderen.
Da wir nicht mehr Fahrrad fahren wollten, Enkhuizen aber zu Fuß nicht ohne weiteres zu erreichen war, gingen wir zum Bahnhof und fuhren mit dem Zug wieder nach Enkhuizen, um noch ein wenig den Ort zu besichtigen und uns etwas zum Essen zu besorgen.

P1010672 (1024x768) P1010674 (1024x768) P1010678 (1024x768)

Spazieren gehen war aufgrund des Wetters fast eine Tortur, aber die tapferen Holländer feierten Regen und Sturm zum Trotz ein lustiges Straßenfest. Nach einigen Runden im Dorf und einem ausgiebigen Mahl beim örtlichen Chinesen wollten wir zurück ins Hotel, mussten aber längere Zeit auf den Zug warten, da dieser wegen Sturmschäden auf der Strecke nicht voran kam.

P1010686 (1024x768) P1010683 (1024x768) P1010687 (1024x768)

P1010688 (1024x768) P1010689 (1024x768) P1010690 (1024x768)

Wieder im Hotel angekommen diskutierten wir erstmalig den Abbruch unserer Reise, da an Fahrradfahren bei diesem Wetter überhaupt nicht zu denken ist. Aufgrund fehlender Internetverbindung konnten wir auch keine Alternativen mehr austüfteln, aber die Ideen dahingehend waren auch dünn gesät. Der Wetterbericht verheißt keine Besserung für die nächsten Tage und so gingen wir leicht frustriert zu Bett und verschoben die endgültige Entscheidung auf den nächsten Morgen.
Der nächste Morgen brachte, wie sollte es anders sein, Regen und Wind. Reichlich Wind. Zwischendurch beim Frühstück lockerten die Wolken auf und sogar die Sonne schaute kurz raus, nur um 5 Minuten später wieder einen Regenschauer der Extraklasse auf uns runter zu schicken.
So sitzen wir also wieder im Zug und diesmal auf dem Weg zu unserem endgültigen Ziel nach Amsterdam. Schweren Herzens und traurig gestimmt haben wir unsere kleine Radrundfahrt abgebrochen und werden die letzten Tage nun in der niederländischen Metropole verbringen. Wenn es das Wetter zulässt, werden wir von hier aus noch zum einen oder anderen Kurztrip aufbrechen, mal sehen. Wenigstens haben wir im Zug kostenloses WLAN und können uns so ein Hotel in Amsterdam raussuchen und vorbuchen. Hoffentlich haben wir dieses Mal mehr Glück!

Smiley traurig

So wie der Tag gestern aufgehört hatte fing der heutige Tag an. Nur das wir inzwischen nicht mehr in Emden sondern im holländischen Groningen sind. Nachdem es heute Morgen immer noch Blasen geregnet hat sind wir auch nicht wie geplant mit der Fähre von Emden nach Delfzijl übergesetzt, sondern haben es vorgezogen mit der Bahn zu reisen. Die Fähre nach Delfzijl ist eine reine Personenfähre und wer weiß, ob die bei dem Sch…wetter überhaupt gefahren wäre. Zunächst hatten wir ja gedacht, auf dem Landweg mit der Bahn von Emden nach Holland zu kommen wäre unmöglich, aber nach längerem Suchen haben wir doch eine Möglichkeit gefunden. Emden – umsteigen in Leer – Groningen; und die Fahrräder kann man auch mitnehmen. Auf dem ca. 1,5 km langen Weg von unserem Hotel in Emden zum Bahnhof sind wir schon ziemlich durchgeweicht und wir waren froh, dass es mit der Verbindung so gut klappte.

P1050262 (1024x768) P1010579 (1024x768) P1010582 (1024x768)

Ca. um 11:30 Uhr waren wir also schon am Bahnhof in Groningen. Ein Zimmer hatten wir ja bereits gestern Abend über´s Internet gebucht. Das Hotel sollte etwa zehn Gehminuten vom Bahnhof entfernt sein, es galt jetzt nur noch auch die richtige Richtung einzuschlagen. Nachdem wir uns ein bisschen umgesehen haben (der Bahnhof hat noch ein richtig schönes altes Bahnhofsgebäude) und ganz fasziniert waren von dem Fahrradparkhaus direkt am Bahnhof sind wir Richtung Hotel geradelt in der Hoffnung, dass unser Zimmer schon bezugsfertig ist, damit wir aus den nassen Klamotten raus kommen. Glück muss der Mensch haben; das Zimmer war frei und wir konnten gleich einziehen.

P1010598 (1024x768) P1010587 (1024x768) P1010612 (1024x768)

P1010604 (1024x768) P1010605 (1024x768) P1010607 (1024x768)

 Also erst mal Klamotten gewechselt, das nasse Zeug zum trocknen im Zimmer verteilt und wieder raus in den Regen, denn von der Stadt wollen wir schon was sehen. Zunächst fällt uns auf, dass das Durchschnittsalter hier das Gegenteil dessen ist, was wir auf Norderney angetroffen haben. Später lesen wir im Internet, dass es hier eine große Universität gibt, welche die stolze Anzahl von 50.000 Studenten aufweisen kann – das ist mehr als ein Viertel der Einwohnerzahl. Die Anzahl der Fahrräder jedoch schlägt jeden Rekord und alle scheinen alt zu sein; jedenfalls ist uns kein neues Rad aufgefallen (ich hoffe unsere Räder stehen morgen noch an dem Platz wo wir sie abgestellt haben).

P1010589 (1024x768)  P1010590 (1024x768)  P1010621 (1024x768)

P1010591 (1024x768) P1010601 (1024x768) P1010588 (1024x768)

P1010602 (1024x768) P1010613 (1024x768) P1010614 (1024x768)

P1010620 (1024x768) P1010623 (1024x768) P1010624 (1024x768)

Die meisten Leute in Groningen wohnen wohl in ganz normalen Wohnungen in Häusern die aus Stein gemauert sind. Es gibt jedoch auch die Ausnahmen. Die, die direkt auf dem Wasser leben. Alles Geschmackssache.

P1010631 (1024x768) P1010640 (1024x576) P1010642 (1024x768)

      P1010572           P1010574

Dann haben wir sie also wieder verlassen, unsere Ruheinsel. Nach einem ausgiebigen Frühstück hielten wir noch einen Plausch mit dem Pensionswirt, bei dem er verriet, das er eigentlich Niederländer sei (das war eh nicht zu überhören). Als ich ihm erzählte, wo wir hinwollten, gab er mir noch ein paar Tipps, die ich dankbar aufnahm. Dann flugs die Räder aus dem Garten geholt, wo sie über Nacht zwar nicht trocken, aber sicher standen, und dann ab Richtung Fähre. Dort angekommen ging es sofort rauf und los. Das nennt man “Just in time”. Es war ja eine massives Tiefdruckgebiet angekündigt, welches sich aber bei uns nicht so auswirken würde, wie im Rest des Landes, da wir keine tropischen Temperaturen hatten. Wobei 22°C hier schon nah an diese Formulierung heranreichen. Der Himmel war teilweise bedeckt, aber die Sonne bahnte sich immer wieder ihren Weg durch die Wolken. Trotz aller Befürchtungen sollte es bis zum späten Nachmittag so bleiben, für einen Sonnenbrand hat es wieder gereicht.

P1050223P1050229P1050230

P1050236P1050240P1050242

Angekommen in Norddeich machten wir uns also auf den Weg in Richtung Emden. Gestern war, für den Fall, dass es regnet die Alternative Zug erörtert worden, der fährt direkt vom Fähranleger los. Aber keine Frage, das war Radl-Wetter. Also los, wieder auf die North Sea Cycle Route. Diese führte bis in das Städtchen Norden und von dort weiter nach Marienhave, allerdings entlang der Straße. Und da uns das nicht gefällt, radelten wir Richtung Deich. Oder dahin, wo wir den Deich vermuteten. Nicky und Benny waren heute auch recht gesprächig, am Radl neben mir wurde reichlich Konversation betrieben. Es ging lustig durchs Gemüse, durch Alleen und oft stank es erbärmlich. Viele sagen ja: “Das ist die gute Landluft!”, aber meiner Meinung nach gibt es dafür nur ein einziges zutreffendes Wort… Während der Fahrt haben wir gerätselt, was Misthaufen wohl auf ostfriesisch heißen mag. Wir haben uns auf “Schiet-Buckel” geeinigt. Hat jemand andere Vorschläge?
Aber die Radlerei hier ist wirklich superschön, es macht uns riesig Spaß!

P1050253P1050254P1050255

Es gibt hier alle naselang Radweg-Wegweiser, aber irgendwie konnte ich die Metropolen Wirdum, Grisersum, Eilsum und Greetsiel nicht richtig auf der Karte einordnen uns so ging uns ein wenig die Orientierung verloren. Bis wir die Wegweiser der NSCR wiederfanden. Denen sind wir nachgefahren, allerdings in die falsche Richtung. Das haben wir nach wenigen Kilometern gemerkt, allerdings wollten wir auch nicht zurück, da diese Beschilderung wieder ins Niemandsland führen würde und Zick-Zack waren wir gerade genug gefahren. So haben wir uns an der Sonne orientiert, unsere Himmelsrichtung gesucht und haben uns über Canhusen, Osterhusen von Hinte nach Emden eingeschlichen. Der Plan war, unser Mittags-Fischbrötchen einzunehmen, einen Cappuccino zu schlürfen, die Fähre nach Delfzijl zu nehmen und nach Holland überzusetzen. Aber so einfach war das nicht. Erst mal gab es kein Fischbrötchen, also haben wir den Cappuccino vorgezogen, in der Hoffnung im Hafen noch eine Fischbude zu finden. Dann haben wir uns zum Fähranleger durchgefragt und unterwegs unser Fischbrötchen bekommen.

P1050256P1050257P1050259

Dann allerdings kam die Ernüchterung. Der Fähranleger war ein verlassener Steg in einem völlig trostlosem Industriehafen. Halb leserliche Plakate gaben uns die Zuversicht, das unser Schiffchen 15:20 Uhr ablegen würde. Als 15:30 Uhr immer noch kein Dampfer zu sehen war, inspizierten wir den Anleger noch mal genauer und entdeckten ca. 10m weiter ein weiteres Plakat, welches uns verriet, das die Fährtage Mittwoch, Freitag und Samstag seien. Das hilft uns natürlich am Donnerstag nicht unbedingt weiter. Nun war guter Rat teuer. Benny, Nicky und ihre Radlfahrerin wollten nicht zurück nach Emden, also beschlossen wir bis Petkum weiterzufahren, über die Ems nach Ditzum überzusetzen und dort Quartier zu nehmen um morgen mit dem Rad weiter nach Delfzijl zu reisen. Es ging weiter durch den Hafen, durch ein irrsinnig staubige Baustelle und dann entlang des Deiches. Dort hüpfte und eine völlig aufgelöste Frau entgegen, die mich fragte, ob ich ein Fernglas dabei hätte. Sicher, ich nehm immer den ganzen Hausrat bei Radl-Ausflügen mit. Sie hätte im Watt zwei Seehunde entdeckt und denen müsse man helfen. Sie hat in die Ferne gedeutet, ich hab nix gesehen. Ich hatte ja auch kein Fernglas. Also weiter auf dem Weg zur nächsten Fähre, aber plötzlich kam kalter Wind auf und über uns braute sich Unheil zusammen. Was also tun? Wir standen bereits am Anleger und sahen die Fähre kommen, als wir uns entschlossen, doch auf dieser Seite zu bleiben und ein Zimmer zu suchen. Unter Donner und Blitz auf die andere Seite zu fahren und zu hoffen, in dem Dörfchen ein Zimmer u finden, war uns zu heiß. Also zurück, wir hatten ein paar hundert Meter vorher ein Hotel gesehen, welches Zimmer offerierte. Zunächst musste ich die Wirtin rausklingeln, die musterte mich von oben bis unten und sagte, sie wäre restlos ausgebucht. Ja klar, warum hängt dann das Schild “Zimmer frei” draußen? Wenn ihr keine Radler wollt, dann schreibt das doch dran an Eure Nobel-Tempel. Sie erklärte mir, ich würde auch auf der anderen Seite kein Zimmer finden, vermutlich sind die alle gleich “freundlich” zu Radlern. Also zurück nach Emden und ein großes Hotel gesucht. Auf dem Weg in die Stadt haben wir noch an mehreren kleinen Hotels gehalten, aber alle haben uns abgewiesen. Diese Stadt hat mich wohl heute gleich zweimal gesehen, zum ersten und zum letzten Mal. Schließlich haben wir unter Donner und Blitz, bei einsetzendem Starkregen ein Hotel gefunden. Das Zimmer ist halb so groß wie auf Norderney, dafür doppelt so teuer. Dafür war die Pizza gut, die wir während unserer Stadtrunde noch verputzt haben. Man nennt das dann wohl einen versöhnlichen Ausgang.
So werden wir morgen also erneut unser Glück mit der Fähre versuchen, denn morgen ist Freitag! Die weitergehende Tour wurde während des Abendessens auch komplett umgekrempelt, es wurde also eine Alternative der Alternativ-Tour erstellt. Aufgrund der Tatsache, dass der Wetterbericht für die nächsten Tage Regen voraussagt und die Tour durch Friesland (Nordseeküste) eher mager mit Sehenswürdigkeiten bestückt ist (um es mal wohlwollend zu formulieren), haben wir beschlossen morgen von Delzijl nach Groningen zu fahren, je nach Wetter mit der Bahn oder mit dem Rad. Dort haben wir gerade ein Hotel gebucht, um nicht wieder unliebsame Überraschungen zu erleben. Am Samstag fahren wir dann mit dem Zug ans IJsselmeer und setzen dort unsere Tour fort. Schon wieder neue Pläne, wer es noch nicht weiß, wir sind ein klein bisschen spontan! Zwinkerndes Smiley

Endlich ein Tag zur Erholung. Die Wettervorhersage von gestern hat uns den schönsten Tag der Woche versprochen. Gestern hatten wir noch überlegt, ob wir dann heute vielleicht ganz mutig sind und mal kurz in die Nordsee springen, aber anscheinend haben wir diesen idiotischen Plan beide über Nacht verworfen; jedenfalls hat keiner von uns beiden dies heute Morgen wieder erwähnt. Wer geht auch bei 15 ° Wassertemperatur freiwillig baden. Da reicht es doch vollkommen, wenn man mit den Füßen im Wasser war.

P1050031 (1024x768)P1050030 (1024x768)P1050032 (1024x768)

Da wir außerdem schon seit mehr als zwölf Stunden nicht mehr auf dem Drahtesel gesessen haben wollen wir mal schauen, ob wir vielleicht die Insel umrunden können. Wir starten also zunächst Richtung Hafen, denn dort hatte ich gestern einen Wegweiser zum Leuchtturm gesehen. Auf dem Weg müssen wir uns aber zunächst ein paar Getränke besorgen, denn das Wasser, welches im Hotel aus dem Wasserhahn sprudelt ist auch ohne Zusatz von Magnesiumtabletten ziemlich gelb. Wir sind in Ostfriesland, vielleicht muss das hier so sein …

Der Wegweiser zum Leuchtturm ist schnell gefunden; ein paar Ecken weiter steht eine große Hinweistafel auf welcher etliche Radweg – von kurz bis lang – ausgewiesen sind. Wir entscheiden uns nicht den kurzen Weg zum Leuchtturm zu nehmen, sondern die große Inselrunde zu fahren. Der Weg über den Deich ist zunächst gut ausgebaut, später müssen wir eine ganze Weile über einen schmalen, mit Ziegelsteinen gepflasterten Weg radeln. Eine Menge Besucher der Insel sind auf die gleiche Idee gekommen und so ist unterwegs einiges los.

P1050146 (1024x768) P1050148 (1024x768) P1050151 (1024x768)

Wir haben etwa die Hälfte der Strecke hinter uns, da hören wir aus der Ferne schon immer wieder leichtes Donnergrollen. Na das dauert noch, das ist noch weit weg. Denkste! Nach weiteren zwei Kilometern fängt es zunächst leicht an zu tröpfeln. Den Leuchtturm zu besteigen und die Aussicht von oben zu genießen schenken wir uns und radeln statt dessen was das Zeug hält. Laut Wegweiser sind es noch ca. 5 km bis ins Zentrum, aber die schaffen wir nicht mehr. An der nächsten Ecke biegen wir ab und schaffen es gerade noch bis zu einem überdachten Freisitz eines Imbisslokals, da öffnet der Himmel seine Schleusen. Binnen Minuten steht das Wasser zentimeterhoch auf der Straße. Wären wir da drin gewesen hätten wir doch noch ein  Bad genommen. Wir wären bis auf die Unterhose nass geworden; und das, obwohl doch unsere gestern Abend gewaschenen Radlklamotten noch nicht trocken sind. Funktionswäsche scheint – auch wenn die Werbung anderes verspricht – besonders lange zu trocken. Schietwetter, da lassen wir uns erst mal ein Fischbrötchen schmecken.

P1050156 (1024x768) P1050157 (1024x768)

Nach ungefähr einer Stunde hat das schlechte Wetter sich verzogen, es wird wieder hell und wir setzen unseren Weg zurück zum Hotel fort wo wir auch so gut wie trocken ankommen. Auf den Schreck machen wir zunächst ein Mittagsschläfchen bzw. schreiben am Blog. Am Nachmittag spazieren wir eine Runde durch den Ort und gönnen uns einen Eisbecher sowie einen Cappuccino.

Für unser Abendessen steht uns der Sinn heute mal nicht nach Fisch sondern nach knobihaltigen griechischen Spezialitäten. Während wir uns unser Abendessen schmecken lassen hat sich draußen der Himmel wieder blau gefärbt und es kommt tatsächlich wieder die Sonne zum Vorschein. So unternehmen wir zum Tagesabschluss noch einen langen Strandspaziergang und sehen dem Sonnenuntergang zu.

P1050188 (1024x768) P1050193 (1024x768) P1050206 (1024x768) P1050187 (1024x768)

image

Nach vier Tagen auf dem Fahrrad gönnen wir uns heute erstmalig eine Pause. Wir haben die Insel Norderney dafür ausgewählt, dazu haben wir erstmalig ein Hotel vorher gebucht. Die Ungewissheit, nachmittags auf die Insel zu kommen und dann nach einem Zimmer zu suchen war uns einfach zu groß. Wofür gibt es denn das Internet. Und was soll ich sagen, das Hotel ist knuffig, keine 500 Meter vom Strand entfernt und das Zimmer ist einfach riesig. Perfekt für uns vier!
Weniger begeistert bin ich vom Ort Norderney selber. Außerhalb des Touristenviertels ist es eine durchschnittliche norddeutsche Kleinstadt. Das Touristenviertel selbst ist ein vollkommen kranker Mix aus liebevoll hergerichteten historischen Bauten, historischen Gebäuden, die man mit modernen Elementen verschlimmbessert hat, vergammelten 70er-Jahre Zweckbauten und moderner Glas-Architektur. Schon von der Fähre aus waren mir die vielen “Hochhäuser” unangenehm aufgefallen. So eine Skyline hatte ich hier einfach nicht erwartet. Und überraschenderweise gibt es hier ein “Haus am Meer” ! Cooles Smiley
P1010538 (1024x768)P1010469 (1024x768)P1010507 (1024x768)P1010508 (1024x768)P1010509 (1024x768)P1010522 (1024x768)P1010528 (1024x768)P1010532 (1024x768)P1010533 (1024x768)
Dominiert wird das ganze Viertel am Westrand der Insel vom Kurzentrum im Gründerzeitstil, dessen Bauten und Anlagen alle im Top-Zustand sind. Die Klientel dieses Kurzentrums bestimmt auch ganz klar das Straßenbild in Norderney und der daraus resultierende Altersschnitt bewegt meine liebe Mitradlerin bei unserer gemeinsamen Tour über die Insel zu der Bemerkung, dass ich aufgrund meines Alters mich hier eigentlich mit einem Kinderfahrrad fortbewegen müsste. Charmant, oder?
P1050172P1010466 (1024x768)P1010505 (1024x768)
Bei unseren Touren treffen wir allerlei Getier, jede Menge Vögel, kleine Möwen, die einen  riesen Radau veranstalten, Monstermöwen, die versuchen dir das Eis aus der Hand zu klauen, Murmeltierartige, Zwerghasen und vieles mehr. Nur eine Spezies gibt`s hier nicht. Schafe!