…endlich sind wir da!

Niemand kann sich vorstellen, wie froh wir waren, als wir nach über 15 Stunden Deutsche-Bahn-Odyssee in unserem Hotel in Flensburg angekommen waren.
Wir waren morgens schon kurz vor 6:00 Uhr von daheim aufgebrochen, unser Zug sollte 6:22 Uhr starten. Am Bahnhof angekommen haben wir uns gefreut, dass unser Zug schon bereit stand, uns aber gleichzeitig geärgert, dass der Wagen, in dem wir Sitz- und Radlplätze reserviert hatten, am falschen Ende des Zuges montiert war. Alle Wagen von 06 bis 16 waren der numerischen Reihenfolge nach hinter der Lokomotive angehängt. Danach, also hinter Wagen 16 war unserer… Wagen 05. Logisch? DB-Logik!
Aber da wir Zeit genug hatten, haben wir das mit Humor genommen. Los ging die Fahrt und obwohl der IC 2226 von Regensburg bis Hamburg fährt, hatten wir uns entschieden in Frankfurt umzusteigen. Das gab uns nämlich die Möglichkeit, am Bahnhof Frankfurt zu frühstücken und außerdem wären wir trotz des Aufenthaltes von 90 Minuten noch eine Stunde früher in Hamburg, weil der IC 2226 nämlich die große Deutschlandrunde über`s Ruhrgebiet fährt. DB-Sightseeing sozusagen. Allerdings hatten wir die Rechnung mit der Stunde eher ankommen ohne die Deutsche Bahn gemacht. Unser Anschlusszug, der IC 2374 aus Karlsruhe nach Kiel fuhr zwar pünktlich ein, aber niemals wieder ab. Zunächst, als wir schon Fahrräder, Gepäck verstaut und uns in Abreise-Position (mit ans Fenster gedrückten Nasen) gebracht hatten, wurde der Zug ein wenig hin und her rangiert. Nach weiteren 10 Minuten folgte eine kaum verständliche Ansage, dass man sich doch irgendwelche Ausweichzüge suchen sollte… nach zwei, drei Minuten Verwirrung und allgemeinem Geschnatter im Waggon bin ich zur Zugbegleiterin, die vor dem Zug auf dem Bahnsteig stand. Die wusste erst mal gar nichts. Daraufhin hab ich sie gefragt, ob das ein Gameboy oder ein Funkgerät wäre, dass sie da in der Hand hält und wenn es das wäre, für das ich es  hielte, ob sie nachfragen könnte. Hat sie dann gemacht, mit dem Ergebnis, der Zug hätte an einem Wagen einen “Plattstelle”. Das bedeutet wohl einen defekten Radreifen, so etwas, was den ICE-Unfall von Eschwege damals verursacht hatte. Dann bin ich also den Mädels und Buben von der DB erst mal dankbar, dass sie es diesmal vorher gemerkt haben.
Hilft und aber jetzt noch nicht weiter auf dem Weg in den Urlaub. Ich mach mich also auf den Weg, entlang des Bahnsteiges um jemanden zu suchen der mehr Informationen hat. Zunächst finde ich jemanden, der hektisch an einem Waggon rumhantiert, mit Helm und Warnweste, der schaut irgendwie technisch kompetent aus. Kann oder will oder darf mir aber nix sagen und schickt mich zum Zugleiter.

Kurzer putziger Dialog:
Ich: “Wo finde ich den?”
Er: “Weiß ich nicht.”
Ich: “Aha. Wo ist das?”
Er: “Keine Ahnung.”
Ich: “Ist es der da vorn?”
Er: “Nein, das ist der Lokführer, vielleicht da hinten.”
Ich: “Nein, das ist die Zugbegleiterin, die weiß die andere Hälfte von Dir. Wie schaut der Zugleiter aus?”
Er: “Der hat `ne DB-Uniform an.”
Ich (vermutlich mittlerweile hochrot im Gesicht und mit leicht geballten Fäusten): “So eine wie du und gefühlt 2.000 andere hier in diesem Irrenhaus?”
Daraufhin schaut er mich dann doch mal an, muss grinsen und gibt mir den Hinweis auf Wagen 10, dort wäre das Dienstabteil. Genau dort finde ich also den Herren, der mir auch nach kurzer Bedenkpause eine Audienz gibt. Ich frage ihn, ob er denn sagen könne wie lange wohl die Reparatur dauern würde. Das kann er nicht sagen, vielleicht eine Stunde oder länger. Naja, das ist doch mal `ne Ansage, bis wann weiß er das genau? Kann er nicht sagen. Wer weiß das? Niemand… Das ernüchtert mich einigermaßen, ich frage ihn, was er wohl meint, was wir jetzt machen sollen? Darauf seine ziemlich schnippische Antwort: “Es steht ihnen doch frei den nächsten Zug zu nehmen!”
Nachdem ich zwei, drei mal geschluckt habe, um ihn nicht direkt zu erwürgen, erkläre ich ihm, was es für ein Drama ist, eine Reservierung für einen Fahrradstellplatz in einem IC in Deutschland zu kriegen und ob er glaubt, dass seine Kollegen im nächsten IC tolerant genug wären uns ohne eine solche mitreisen zu lassen. Darauf hat er endlich die Güte mich anzuschauen und erklärt, dass er das nicht glaube und verspricht mir dass zu klären. Alternativ empfiehlt er mir Nahverkehrszüge, die ja reservierungsfrei wären. Meine Frage, ob er eine Vorstellung habe, wie lange man mit Nahverkehrszügen von Frankfurt nach Flensburg braucht, kann er nicht beantworten. Er sucht also zunächst nach einer Lösung für sein und unser Problem und ich mache mich trotzdem mal zum DB – Infoschalter auf und erfrage alternative Möglichkeiten, aber ohne akzeptables Ergebnis.
Zwischenzeitlich heißt es dann mal, der Zug würde, nachdem man den defekten Wagen entfernt hätte, weiterfahren. Aber irgendwann heißt es doch plötzlich: “Alle raus, der Zug fährt nicht weiter!” Niemand kann verstehen, warum man einen defekten Wagen nicht aus einem Zugverband entfernen kann, für jeden von uns hat es den Beigeschmack, dass es für die DB einfach billiger ist, in solch einem Fall die Kunden einfach auf den nächsten Zug zu vertrösten. Nur geht das nicht mit uns Radlern. Und da wir (zum Glück) nicht nur zwei sondern 14 Radler waren, die das betraf, musste sich der Zugleiter kümmern. Hat er dann dann auch und sehr engagiert und auch erfolgreich. Der nächste IC (zwei Stunden später) war informiert und hatte schon mal die Sitzplätze im letzten Wagen geräumt. Die Zugbegleiterin war informiert und hat nach Kräften versucht, die doppelte Menge Radln unterzubringen. Das hat auch fast geklappt, obwohl einige der Betroffenen ungeduldig bis dumpfbackig reagiert haben, zum Schluss wurden zwei Fahrräder (unter anderem meines) im Waggon auf einem Rollstuhlstellpaltz geparkt und schon war alles, bis auf die Verzögerung, gut.

Somit erreichen wir also Hamburg etwa 2:20 Stunden nach Plan. Meiner Information vom Bahnhof Frankfurt nach und auch der DB-Seite im Internet nach geht es weiter mit einem Regionalzug in Richtung Kiel, den man in Neumünster verlässt, um den RE nach Flensburg zu besteigen. Allerdings liegt im IC ein Faltblättchen aus, welches einen RE verspricht, der uns direkt von Hamburg nach Flensburg tragen würde. Wir also in Hamburg aus dem Zug, zum nächsten Bahnsteig, an welchem der RE starten sollte. Dort stand auch einer, mit der richtigen Nummer aber dem falschen Ziel. Nämlich Elmshorn, anstatt Flensburg. Ich schaue also auf einen der gedruckten Aushänge, dort steht ganz klar: Abfahrt 17:47 Uhr, RE7 nach Flensburg, Bahnsteig 11. Ich sehe einen Menschen in der sympathischen dunkelblauen Uniform unseres zauberhaften Schienen-Beförderungs-Unternehmens, ich hin zu ihm: “Hallo, laut Aushang sollte jetzt hier ein Zug nach Flensburg abfahren?” Darauf er: “Sehen sie einen?”
So rührig und hilfreich die Herren in Frankfurt waren, so wenig brauchbar ist der Typ hier. Manche würden ihn vielleicht als “hanseatisch wortkarg” bezeichnen. Meiner Meinung nach trifft die Bezeichnung “Depp” sein Naturell eher.
Egal, es geht also weiter, mit Zwischenhalt Neumünster. Warum der andere Zug nicht (mehr) verkehrt, erfahren wir nicht, macht jetzt auch keinen Unterschied mehr. Wir erreichen Flensburg also kurz vor neun Uhr abends und schwingen uns auf unsere Räder Richtung Hotel. Es sind zwar nur 3 Kilometer bis dahin, die aber bergauf. Wir denken uns dann auch: “Klar, das Hotel heißt `Am Wasserturm`, irgendwie klar, dass es am Berg oben ist!” Aber erstens hab ich bei der Buchung nicht dran gedacht und zweitens ist hier in Flensburg alles restlos ausgebucht. Nach dem Check-In, bei dem ich überrascht feststellen musste, dass man hier erst Kohle sehen will, bevor man ein Zimmer kriegt, sind wir einigermaßen ernüchtert. Für das Geld hatten wir uns schon etwas anderes vorgestellt. Zimmer und Bad sind sehr klein und (wohlwollend formuliert) spartanisch ausgestattet. Es ist zwar sauber, aber das Mobiliar ist uralt und abgenutzt. Die dunkelgrünen Fließen im Bad hätten schon in meiner Kindheit als unmodern gegolten und die ist schon ein paar Tage her…
Egal, das einzige Lokal in der Gegend ist ein Jugoslawe, wie uns der punkige Hotelboy wortwörtlich berichtet, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob diese geographische Bezeichnung heutzutage noch politisch korrekt ist. Also ziehen wir dorthin, um dem südosteuropäischen Gastwirt Fass und Kühlschrank leer zu fressen bzw. zu saufen. Das gelingt uns zwar nicht vollends aber wohl gesättigt kehren wir spät abends in unser Hotel zurück und fallen todmüde in die Betten.

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Der nächste Tag wird ausschließlich der Entspannung und dem endgültigen Ankommen im Urlaub gewidmet. Mehr dazu und weitere Bilder gibt es morgen.

Gute Nacht!