Landpartie

Track Bergen – Enkhuizen bei GPSies

 

Wie geplant stehen wir also morgens “zeitig” auf und legen uns sofort wieder hin. Es ist dunkelgrau draußen und es plätschert aufs Vordach des Hotels. Und dabei hatte die Wettervorhersage einigermaßen schönes Wetter vorhergesagt, aber mit diesem Dilemma kämpfen wir nun schon seit fast zwei Wochen. Weder die Vorhersagen im Internet, noch die der Holländischen Fernsehsender haben auch nur entfernt etwas mit der Realität zu tun. Das Einzige, auf was man sich sicher verlassen kann, ist dass diese Vorhersagen nicht eintreffen werden. So gehen wir mit etwas Verspätung zum Frühstück, nachdem der Regen aufgehört hatte und beschließen, es trotzdem zu versuchen. Wir haben unterwegs ein paar Möglichkeiten einen Bahnhof zu erreichen, das gibt uns den Mut loszufahren.
Am Abend vorher hatten wir die Route ausgetüftelt, sehr hilfreich war einerseits eine niederländische Website, auf der landesweit alle Radwege und Knotenpunkte (knooppunts, erklär ich gleich) verzeichnet sind, die außerdem einen Routenplaner enthält, der die berechnete Route gleich als gpx-File ausgibt, also fertig für`s Navi. Klingt traumhaft ist es auch und außerdem hat die Route auch noch auf den Meter genau gestimmt. Zweitens notiere ich mir aus dieser Website die Knooppunts, die wir passieren werden. Die Niederländer haben nämlich nicht nur ein hervorragendes Radwege-Netz, die haben das auch noch ausgeschildert. Es gibt flächendeckend ein Netz von durchnummerierten Knotenpunkten, die man auf allerlei Faltkarten verzeichnet findet, oder eben dieser Website entnehmen kann und die vor allem durchgehend (auch im Hinterland, abseits der Touri-Strecken) und sichtbar ausgeschildert sind. Wenn man dieses System einmal verstanden hat, braucht man eigentlich kein Navi mehr, auch wenn meines ein prima Spielzeug ist. Zwinkerndes Smiley
Also jedenfalls verlassen wir Bergen gut gerüstet und radeln in Richtung Alkmaar. Heute allerdings nicht in die Innenstadt sondern durch die Randbezirke und in östlicher Richtung wieder raus. Dort kommen wir an einen Wunderschönen Kanal und sehen eine ganze Reihe von top-restaurierten Windmühlen.

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Während wir so dastehen, fotografieren und fachsimpeln, fällt uns auf, dass die Dinger bewohnt sind, ob als Sommerhäuschen oder als Ganzjahres-Verbleib, vermag ich nicht zu sagen, auf jeden Fall hat jede davon einen ordentlichen Garten davor, es hängt Wäsche auf der Leine und es springen Haustiere im Garten umher, von Schafen über Ziegen bis zu kläffenden Kötern.
Nach ausgiebiger Fotosession auf diesem Teilstück des Weges wird es noch ländlicher, es geht kilometerlang auf winzigen Landsträßchen an den typischen Häuschen vorbei, immer mit einem Kanal davor. Die Dinger riechen zwar nicht immer nach Perwoll, aber man gewöhnt sich daran und es hat einen ganz eigenen Charme. Uns gefällt es und so gucken wir Häuschen und allerlei Getier an, während sich die Kilometer unter unseren Rädern beinahe von selbst abspulen. Wir haben nämlich Rückenwind, es ist nicht zu fassen. Und dabei hätte ich gewettet, dass der Wind extra für uns heute aus Richtung Osten bläst. Aber nix da, der Wind kommt aus Süd-West, das heißt die meiste Zeit von rechts hinten. Um dem Fass die Krone aufzusetzen, kommt auch noch die Sonne raus, es ist kaum zum Aushalten…
So erreichen wir fast in Rekordzeit unser Ziel in Enkhuizen und fallen in das Hotel ein, dass wir uns im Internet ausgesucht hatten. Einfallen trifft es auch ganz gut, denn zunächst stelle ich ganz verblüfft fest, dass es sich um ein chinesisches Lokal handelt, in dem wir bei unserem letzten Besuch hier in Enkhuizen gespeist hatten. An der Eingangstür zum “Hotel” fand ich zunächst ein Schild, dass sich die Rezeption eine Tür weiter in einem anderen Lokal befinden würde. Ich also dort rein, aber da ist zum ersten das Licht aus und zweitens sieht es gar nicht so aus, als wäre hier in letzter Zeit ein Gast gewesen. Das erinnert mich auch irgendwie an unseren letzten Besuch hier, als wir im Hotel “De Halve Man” im Nachbarort Bovenkarspel genächtigt hatten, dort gab es einen riesigen Saal, der komplett eingedeckt, aber zentimeterdick mit Staub überzogen war, in dem wir unsere Fahrräder parken sollten. Ich also rein in die Kneipe, im Hintergrund höre ich jemanden werkeln. Ich rufe laut “Hallo” und gehe auf einen kleinen Chinesen zu, der hinter einer Theke am putzen ist und sofort in Deckung geht, als er mich sieht. Schaut lustig aus, ich versuche mein Glück trotzdem und frage, ob er mir ein Zimmer vermieten mag. Er schaut mich mit tennisballgroßen Augen an und deutet auf eine Durchgangstür durch die ich dann gehe und zu meiner Verwunderung wieder in dem chinesischen Lokal rauskomme, allerdings hinter der Theke. Die dort hantierende kleine Chinesin schaut mich mit ebensolch großen Augen an und auf meine Frage: “Do you speak englisch? Or german, maybe?” antwortet sie “Chinese?”. Sie grinst aber dabei, also hat sie mich wenigstens verstanden. Sie schnattert ein wenig nach hinten in die Küche, aus der dann eine noch kleinere Chinesin auftaucht, die durchaus ein wenig Englisch versteht und auch “sprekken” kann. Allerdings hat sie null Plan von den Hotelzimmern und so muss sie jede meiner Fragen erst wieder überschnattern und die jeweilige Antwort wieder ins “broken english” transferieren. Das dauert ein bisschen, aber wir werden uns einig, auch wenn der Preis nicht ganz dem entspricht, was im Internet offeriert war, egal, das Zimmer ist ganz ok. und wir beziehen eine Kammer mit Blick auf den historischen Hafen. Den besuchen wir dann auch noch gleich und stellen fest, dass es hier ein Freilichtmuseum gibt, welches das Leben an der Zuiderzee dokumentieren soll, bevor diese zu einem Binnengewässer umfunktioniert wurde. Die Zuiderzee war ursprünglich nämlich ein Teil der Nordsee, entsprechend lebten hier in erster Linie Fischer und es gab alle möglichen Gewerke, die zum Schiffsbau und der Fischerei dazu gehörten. Da die See aber hier sehr unberechenbar war und entsprechend das dem Meer abgewonnene Land immer wieder überspült wurde und Menschen, Land, Häuser und Vieh zuhauf verschlang, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts beschlossen, die Zuiderzee einzudeichen. Das geschah von 1927 bis 1932 durch den Bau des 30km langen Abschlussdeiches (Afsluitdijk) mit dem Ergebnis, dass sich das nun entstandene Ijsselmeer zwar beruhigte, aber auch “aussüsste”, sprich es veränderte sich der Fischbestand innerhalb des Ijsselmeeres und die Fischer konnten natürlich auch nicht mehr auf die Nordsee rausfahren. Das Aussterben dieses Berufsstandes und der damit verbundenen Betriebe veränderte das Leben am Ijsselmeer grundlegend, ganze Dörfer verwaisten und wurden abgerissen. Um aber ein Bild der Kultur und des Lebens zu erhalten, wurde dieses Zuiderzee-Museum errichtet, hier sind mehrere komplette Dörfer nachgebaut, laut der Beschreibung absolut originalgetreu, mit der jeweiligen Beschreibung, wer das Haus wann bewohnt hat, sehr aufwändig und sehr schön.

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Anschließend gab es noch gutes Futter und im Hotelzimmer überm Chinesenlokal wurde die Strecke für den nächsten Tag geplant, die uns entlang des Ijssel- bzw. Markermeers bis nach Volendam führen soll.