Regen, Sturm und eine schwere Entscheidung

Der Freitagmorgen in Emden schaut in zwei sehr frustrierte Gesichter! Es regnet, ja schüttet, so dass nicht daran zu denken ist, die 10km zum Bootanleger zurückzulegen und dann womöglich noch längere Zeit im Freien auf das Schiffchen zu warten. Wir versuchen eine Zugverbindung nach Groningen zu finden und kippen fast aus den Latschen, als uns die DB über Rheine, quer durch die Niederlande ins nicht allzu weit entfernte Groningen schicken will. Zunächst falle ich fast vom Glauben ab, allerdings will ich noch nicht aufgeben und suche nach Teilstrecken, um auf kürzerem Wege ans Ziel zu kommen. Und tatsächlich finde ich eine Direktverbindung von Bad Nieuweschans an der holländisch-deutschen Grenze nach Groningen (mit Fahrradmitnahme) und kriege auch noch raus, dass dieser Zug sogar ab Leer fährt. Allerdings will mir das Internetportal der DB weismachen, dass der Zug auf diesem Teilstück von Leer bis zur Grenze keine Fahrräder mitnehmen will. Glaub ich doch sofort, liebe Bahn! Also fahren wir die ca. 2 km zum Bahnhof nach Emden und kommen dort vollkommen durchnässt an. Wir fahren mit der deutschen Bahn bis Leer und, man staune, mit dem niederländischen ARRIVA direkt von Leer nach Groningen. Mit Fahrrädern!
Groningen gefällt mir außerordentlich gut, naja zumindest das Centrum der Stadt, denn mehr haben wir auf den einen Tag leider nicht gesehen. Eine sehr schöne Stadt, mir vielen kleinen Häuschen, engen Gassen aber auch weiten, offenen Plätzen und großen Kirchen. Ein, von außen sehr historisch anmutendes Gebäude entpuppt sich allerdings als Supermarkt. Die Stadt wird dominiert von jungen Leuten, wohl in der Mehrzahl Studenten und gefühlten 10 Millionen Fahrrädern. Alle fahren kreuz und quer und man erwartet, dass es jeden Moment irgendwo scheppert, aber irgendwie geht es immer gut. Anscheinend hat dieser Wahnsinn Methode!
Am nächsten Morgen schlafen wir zunächst mal etwas länger und begeben uns dann zum Bahnhof und auf den Weg zum IJsselmeer. Das Wetter hatte sich etwas beruhigt, sogar die Sonne blitzte einmal kurz durch die Wolken. Also fuhr uns der ARRIVA über Leeuwarden nach Stavoren ans IJsselmeer und dort gefroren uns beim Aussteigen nicht nur die Gesichtszüge! Es goss wieder in Strömen und dazu kam ein eisiger Sturm,  der den Aufenthalt im Freien nahezu unmöglich machte. Wir suchten uns also ein Cafè, um die 90 Minuten bis zur Abfahrt unseres Schiffes zu überbrücken. Das Schiff sollte uns nach Enkhuizen, auf der Westseite des IJsselmeeres bringen. Während der Überfahrt schüttete es, wie aus Kübeln. Unsere Fahrräder standen am offenen Deck und ich beobachtete von drinnen, wie sie nicht nur von oben beregnet wurden sondern auch noch reichlich mit salzigem Meerwasser übergossen wurden. Wahrscheinlich wird mein treues Schnucki und das edle schwarze Ross meiner Mitstreiterin nach dieser Salzwasserdusche dem Korrosionstod anheimfallen! Wir werden beide zu Hause erst mal gründlich pflegen müssen.

P1010650 (1024x768) P1010652 (1024x768) P1010654 (1024x768)

P1010656 (1024x768) P1010657 (1024x768) P1010658 (1024x768) P1010660 (1024x768)

Nach knapp 100 Minuten sehr wackeliger Überfahrt kamen wir wohlbehalten und ohne seekrankheitsbedingte Ausfälle in Enkhuizen an und mussten feststellen, dass unser Hotel doch einige Kilometer außerhalb des kleinen Fischerdorfes gelegen war. Wir hatten wohl gesehen, dass der Name des Ortes Bovenkarspel lautete, in Google Maps sah das aber alles sehr nah beieinander aus. So kann man sich täuschen. Nachdem wir eine Ehrenrunde gedreht und uns schließlich an einer Tankstelle kundig gemacht hatten, kämpften wir uns also in Sturm und wieder einsetzendem Regen unserem Hotel entgegen. Die Eindrücke, die da auf uns wirkten, waren doch sehr eigenartig. Das Hotel und Restaurant sah von außen ordentlich groß und recht solide aus. Erstes Stirnrunzeln dann, als wir aufgefordert wurden, unsere Fahrräder ins Haus zu holen und in einem verschlossenen Saal abzustellen. In diesem Saal waren alle Tische komplett eingedeckt, allerdings mit einer dicken Staubschicht überzogen. Diese und der Geruch ließen vermuten, dass die goldenen Zeiten dieses Hauses schon einige Jahre zurückliegen würden. Dann ging es über mehrere steile Stufen hinauf ins Zimmer, welches, wohlwollend formuliert, doch recht einfach ausgestattet war. Und die letzte Renovierung wurde sicher auch noch mit Gulden bezahlt. Zu allem Überfluss war auch keine Verbindung zum hauseigenen WLAN herzustellen und meine Versuche, mit dem Kellner, der den Check-In mit uns gemacht hatte eine Lösung zu finden, scheiterten an seinem Unwissen oder Desinteresse. Ich weiß es nicht genau, wahrscheinlich eine Mischung aus beiden. Der Code, den er mir gegeben hatte funktionierte jedenfalls nicht, er wusste aber keinen anderen.
Da wir nicht mehr Fahrrad fahren wollten, Enkhuizen aber zu Fuß nicht ohne weiteres zu erreichen war, gingen wir zum Bahnhof und fuhren mit dem Zug wieder nach Enkhuizen, um noch ein wenig den Ort zu besichtigen und uns etwas zum Essen zu besorgen.

P1010672 (1024x768) P1010674 (1024x768) P1010678 (1024x768)

Spazieren gehen war aufgrund des Wetters fast eine Tortur, aber die tapferen Holländer feierten Regen und Sturm zum Trotz ein lustiges Straßenfest. Nach einigen Runden im Dorf und einem ausgiebigen Mahl beim örtlichen Chinesen wollten wir zurück ins Hotel, mussten aber längere Zeit auf den Zug warten, da dieser wegen Sturmschäden auf der Strecke nicht voran kam.

P1010686 (1024x768) P1010683 (1024x768) P1010687 (1024x768)

P1010688 (1024x768) P1010689 (1024x768) P1010690 (1024x768)

Wieder im Hotel angekommen diskutierten wir erstmalig den Abbruch unserer Reise, da an Fahrradfahren bei diesem Wetter überhaupt nicht zu denken ist. Aufgrund fehlender Internetverbindung konnten wir auch keine Alternativen mehr austüfteln, aber die Ideen dahingehend waren auch dünn gesät. Der Wetterbericht verheißt keine Besserung für die nächsten Tage und so gingen wir leicht frustriert zu Bett und verschoben die endgültige Entscheidung auf den nächsten Morgen.
Der nächste Morgen brachte, wie sollte es anders sein, Regen und Wind. Reichlich Wind. Zwischendurch beim Frühstück lockerten die Wolken auf und sogar die Sonne schaute kurz raus, nur um 5 Minuten später wieder einen Regenschauer der Extraklasse auf uns runter zu schicken.
So sitzen wir also wieder im Zug und diesmal auf dem Weg zu unserem endgültigen Ziel nach Amsterdam. Schweren Herzens und traurig gestimmt haben wir unsere kleine Radrundfahrt abgebrochen und werden die letzten Tage nun in der niederländischen Metropole verbringen. Wenn es das Wetter zulässt, werden wir von hier aus noch zum einen oder anderen Kurztrip aufbrechen, mal sehen. Wenigstens haben wir im Zug kostenloses WLAN und können uns so ein Hotel in Amsterdam raussuchen und vorbuchen. Hoffentlich haben wir dieses Mal mehr Glück!