Straßenrennen zur Regatta

Morgens hatte es geregnet, offenbar ziemlich heftig, denn alles ist nass, im Garten des Hotels stehen Pfützen. Das kümmert uns erst mal noch nicht, wir schlafen aus und frühstücken gemütlich und ausgiebig. Dann steigen wir auf unsere Räder und rollen den Berg runter ins Verkehrschaos rein. Nach zwei drei wirren Ampeln, Baustellen und Radwegen mit plötzlichem Ende sind wir wieder auf dem Ostseeküsten-Radweg angelangt, der uns aus Eckerförde raus entlang einer Bundesstraße (vermutlich der selben, die uns bereits gestern nach Eckernförde gebracht hat) bringt. Wir müssen etliche Kilometer hier entlang fahren, der Verkehr ist so laut, dass eine Unterhaltung kaum möglich ist. Nach einigen Kilometern biegen wir auf eine Landstraße ab, hier ist der Verkehr sehr viel weniger dicht, aber die vorbeifahrenden Autos, Motorräder und LKW sind richtig schnell, da die Landstraße schnürlgrad dahin geht und der motorisierte Nordmann sehr wohl weiß, wo sich der Gashebel befindet. Je schneller, umso lauter sind die vorbeirauschenden Gefährte natürlich. Zu sehen gibt es auch wieder sehr viel Nichts. Wiesen und Felder, im besten Falle mal ganz am Horizont das Wasser. Wir hatten ja gestern schon überlegt, einen Off-Tag einzulegen, allerdings schien uns Kiel nicht der richtige Ort dafür. Dazu später aber mehr.
Die Reise geht nicht schlecht voran, allerdings kommt zum Lärm-Übel auch noch Regen dazu. Nach dem Guss am Morgen hatte es nie richtig aufgeklart und wir sind unter Wolkenfeldern aber im Trockenen dahin gefahren. Dann sehen wir, wie sich die Wolken auflösen und blauer Himmel ist in Sichtweite. Vorher will die letzte dunkle Wolke aber noch mal ihre Daseinsberechtigung demonstrieren und beginnt zu nässen. Im Örtchen Schwedeneck Ortsteil Dänisch-Nienhagen (man beachte die Internationalität) fahren wir mal eben an den Strand (1,5 km bergab) zum Strandcafè. Nach dem Kaffee und den drei Tropfen vom Himmel fahren wir wieder hinauf zur Bundesstraße und dort noch weitere 10 km bis uns die Nummer endgültig zu blöd wird. Irgendwo ist der Ort Strande und der Leuchtturm Bülk ausgeschildert, da wollen wir jetzt hin. Wasser gucken, Leuchtturm fotografieren, bloß weg von der Straße. Es geht wieder 3,5 Kilometer bergab, einen Leuchtturm finden wir keinen aber `ne Fischsemmel-Bude und eine Strandpromenade. Wir futtern mal wieder ein Matjes-Brötchen, sehen den heimischen Wasservögeln bei der Bestellung des Lunches zu und beschließen ab sofort ganz frech an der Strandpromenade in Richtung Kiel zu fahren.

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Das funktioniert auch lange Zeit prima, mittlerweile ist der Himmel blau und die Sonne gibt alles, wir kommen durch das Olympiazentrum Schilksee, in dem in der kommenden Woche die Kieler Woche starten wird, die Vorbereitungen sind in vollem Gange. Die Bauten hier sind genauso hässlich, wie im Olympiadorf in München, der Architekt hat also länderübergreifend “gute” Arbeit geleistet. Abscheulich wäre geprahlt. Wir fahren noch ein bisschen durch den Wald und über einen verlassenen, stillgelegten Flugplatz und landen dann in Holtenau. Die Radweg-Schilder weisen bis zu einem bestimmten Punkt 5 Kilometer bis Kiel Zentrum aus und plötzlich sollen es dann wieder 7,3 km sein. Der Radweg führt weg vom Wasser steil bergauf, wir sehen eine riesige Brücke, ich will aber gar nicht auf die andere Seite… *Verwirrung breitet sich aus*  Ein Blick in die Karte zeigt mir, dass es sich gar nicht um die Kieler Förde handelt, vor der wir hier stehen, sondern um den Nord-Ostsee-Kanal. Also kämpfen wir uns auf die Brücke rauf.  Natürlich weht jetzt kein Lüftchen mehr und der Stern brennt. Allerdings werden wir für die Schinderei mit einem traumhaften Ausblick belohnt und von dort entdecken wir auch das Mysterium der sich verändernden Entfernungsangaben. Von ganz oben auf der Brücke entdecken wir einen Fähranleger, direkt unterhalb der Böschung, den hättest du im Traum nie finden können. Außer du fährst den Schildern nach, was wir ja aus Prinzip schon niemals tun…

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Na jedenfalls waren wir ganz weit oben und sind auch wieder runter gefahren. Auch wen das in Kiel teilweise gefährlich ist, Radwege enden plötzlich, wenn du auf der Straße weiterfährst, wirst du von den 4 rädrigen Superhelden angehupt und im Zentimeterabstand überholt. Wir verstehen das Prinzip nur langsam, ein Radweg ist immer beidseitig befahrbar, notfalls halt über den Fußweg, nur nicht nachgeben und möglichst viele Vögel austeilen. Kein Problem, kriegen wir schon hin.

Wir finden unser Hotel, sind angemessen schockiert und treffen eine Entscheidung. Das Hotel war mittelmäßig teuer, ist aber ein schlechter Witz. Eng, klein, alt und dreckig. Uns wird aber klar woraus sich der Preis generiert, die Ostseehalle (eine riesige Multi-Funktionshalle) liegt nur ein paar Meter entfernt, der Schwedenkai (Kreuzfahrtterminal) ist etwa 300 Meter und der Bahnhof etwa 800  Meter entfernt. Außerdem scheint eine Uni in der Nähe zu liegen, etliche Kneipen rundum suggerieren das zumindest durch Namensgebung und Angebote.

Sei`s drum, wir amüsieren uns zunächst auf einem Platz zwischen Hafen und Shopping-Meile, auf dem plötzlich eine seltsame Truppe Radlfahrer auftaucht, viele davon mit rot-weißen Klamotten , roten BMX Rädern und Musikinstrumenten. Diese entpuppt sich als eine Music-Band, die ihr neues Album den den Auftritt heute Abend ein wenig promoten wollen, offensichtlich unterstützt von einem lokalen Musik-Sender. Die Buben spielen einen gewöhnungsbedürftigen Mix aus Brass und Hip-Hop, aber ich hab mich schon schlechter amüsiert.

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Abends speisen wir nett beim Mexicaner und beschließen morgen unsren Weg abzukürzen und mit dem Zug nach Lübeck zu reisen. Maßgeblich beigetragen zu dieser Entscheidung hat auch die weitere Streckenführung. Nach dem heutigen Tag durch`s Nichts würden wir nämlich mindestens drei weiter solche Etappen bis Lübeck verbringen. Der Radweg führt zwischen Kiel und Lübeck vor allen durch vielzitierte Nichts. Nicht so wirklich viele bekannte Orte säumen den Radweg, der dann auch nicht immer am Wasser entlang führen würde. Einzig uns bekannter Ort wäre die Insel Fehmarn, auf der wir kein Hotelzimmer (im Internet) finden. Dorthin zu fahren ohne Vorbuchung ist uns zu gewagt, die Tour dann weiter zu splitten auf vier Etappen begeistert uns noch weniger. Außerdem ist die Bahnverbindung Kiel – Lübeck die  einzig mögliche, sprich, wenn wir morgen losradeln, haben wir keine Chance mehr abzukürzen. Also entschließen wir uns genug von Schleswig Holsteinischen Wiesen gesehen zu haben und fahren morgen früh nach Lübeck um dort zwei freie Tage zu verbringen.