Stralsund – UNESCO Welt-Erbe die Dritte

 

Nach unserem sehr gemächlichem Ruhetag in Ahrenshoop brechen wir morgens relativ früh auf. Das Frühstück war wieder hervorragend, wir schenken uns den Frühstückssekt, denn wir haben eine lange Etappe. Entgegen unserer neu erworbenen Gewohnheit, nur noch kurze Abschnitte zu fahren, haben wir für heute eine fast 80 Kilometer Etappe auf dem Plan. Würden wir dem exakten Verlauf des Ostseeküsten-Radweges folgen, wären es sogar mehr als 90 Kilometer, aber dazu später mehr. Die Entscheidung, den Weg bis Stralsund auf einen Ritt zu bewältigen hat mehrere Gründe. Erstens läge auf dem Weg, etwa in der Mitte nur das Städtchen Barth, welches zwar eine nette Altstadt und einen Hafen auch wieder an einem Bodden, nämlich dem Barther Bodden hat und außerdem vehement damit wirbt, dass genau hier die sagenumwobene Stadt Vineta versunken ist. (Das Ostsee-Pendant zu Atlantis, warum genau hier und wo da wohl die versunken sein soll, erschließt sich mir nicht.) Das alles ist uns aber nicht entscheidend genug, um hier einen weiteren Stopp einzulegen. Wir wollen auch deshalb schnell nach Stralsund, um das genaue Datum und die Modalitäten unserer Rückkehr zu planen, wovon dann unsere weitere Reise abhängen wird.

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Also verlassen wir unsere Luxus Suite und radeln vom Fischland auf den Darß, die zweite der nicht mehr vorhandenen Inseln. Die heutige Halbinsel bestand mal aus drei dem Festland vorgelagerten Inseln, Fischland, Darß und Der Zingst (heißt wirklich so.) Natürliche Veränderungen haben zur Verlandung der Wasserstraßen (Kamine) zwischen den Inseln geführt und so die Halbinsel und die dahinterliegende Boddenlandschaft geschaffen. Es ist ziemlich kalt heute, obwohl strahlender Sonnenschein bei blauem Himmel herrscht, ist es deutlich kühler als die letzten Tage, wir haben nur dreizehn Grad, da ist radeln im T-Shirt schon richtig erfrischend. So kommen wir durch Born und Wieck am Darß und freuen uns über die schönen Häuschen und ärgern uns über den grindigen Radl-Weg.

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Manchmal rudimentär asphaltiert, manchmal Betonplatten, aber immer musst du die Zähne zusammenbeißen, dass es dir die Plomben nicht raushaut. Dann wieder äußerst holperig durch den Wald und dabei hat es Strecken, die so sandig sind, dass wir absteigen und schieben müssen, keine Chance mit unseren Rädern. Und überall ist es staubig wie auf dem Mond. Eine Verkäuferin in einem Shop in Ahrenshoop hatte uns erzählt, dass es schon seit sechs Wochen keinen Tropfen mehr geregnet hat, eigentlich eine Farce, wenn man bedenkt, was im Rest von Deutschland in den letzten Tagen abgegangen ist. Jedenfalls schauen unsere Räder fürchterlich aus. Hinter Wieck geht der Radweg am “Alten Strom” entlang, einer dieser ehemaligen Kamine, die die Inseln früher geteilt haben. Heute endet der Alte Strom in Prerow und erreicht somit nicht die Ostsee. Hier wird der Radweg eng, schwierig genug hier mit dem Gegenverkehr klarzukommen, da unsere Räder doch einigermaßen breit sind mir den Taschen. Wenn dann aber noch die Urlaubsradler kommen, denen man schon ansieht, dass sie höchstens einmal im Jahr auf dem Fahrrad sitzen und entsprechend unsicher daherwackeln, dann wird`s lustig. Das macht uns aber alles keine richtigen Probleme, wir nehmen`s lustig und erreichen Prerow. Dort gibt es Kaffee und was Süßes, dann überqueren wir den alten Strom und erreichen Den Zingst. Ab hier geht es wieder auf der Ostsee-Seite, immer auf`m Deich entlang. Ab hier ist der Weg topfeben und perfekt zu fahren, wir haben sogar ein bisschen Rückenwind, es wird traumhaft. Dann erreichen wir die Ortschaft Zingst, der Radlweg zweigt eigentlich vorher ab, aber wir wollen in den Ort ein bisschen auf`s Wasser gucken. Außerdem möchte ich mal sehen, ob ich hier irgend etwas wiedererkenne, ich war hier als kleines Kind ein paar Mal mit meinen Eltern im Sommerurlaub. Zingst und Prerow waren Urlauberhochburgen in der ehemaligen DDR, wobei Prerow immer schon die größte Nackedei-Bade Kommune war.

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Wir durchqueren so noch den gesamten Ort Zingst, wo deutlich mehr los ist, als in den anderen Dörfern zuvor. Dort merkt man noch überdeutlich, dass die Urlaubs-Saison noch nicht begonnen hat. Ich möchte mir, daraus resultierend, gar nicht vorstellen, was hier im August los sein wird.
Es geht wieder über`n Deich und dann durch den Wald bis zur Meiningenbrücke, die die Halbinsel hier mit dem Festland verbindet. Früher fuhr man über eine alte Eisenbrücke, die gedreht werden konnte, um dem Schiffsverkehr in oder aus dem Bodden den Weg frei zu machen. Wenn ich mich recht erinnere, fuhr damals auch noch die Bahn über diese Brücke. Die Brücke existiert noch, wird aber nicht benutzt, es führt eine Brücke nebenher, die aber sehr provisorisch wirkt und wohl klappbar ist. Keine Ahnung, ob die alte Drehbrücke saniert oder entsorgt wird. Die Bahnlinie endet jedenfalls genau davor, deutlich zu sehen, dass diese schon seit vielen Jahren außer Betrieb ist.

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Entlang dieser überwucherten Bahngleise führt und der Radweg nach Barth, wo es Stärkung in Form von Fischbrötchen gibt. Nach dieser Pause geht es weiter, zur Abwechslung mal wieder ein wenig bergauf und bergab, aber da die Landstraße kaum befahren und gut asphaltiert ist, ist das kein Problem. Irgendwann zweigt der Ostseeküstenradweg wieder in Richtung Nord-Ost ab, er bleibt direkt am Wasser um in einem großen Bogen nach Stralsund zu führen. Den Bogen wollen wir abkürzen, da wir erstens nicht ca. 10 Kilometer direkt gegen den Wind strampeln wollen und uns der Weg dann auch zu weit würde. Also geht es zunächst über Dorfstraßen an eine Landstraße, die auf den ersten Kilometern noch einen Rad-/Fußweg hat, der sich dann aber im Nichts verliert. Also müssen wir auf der Straße fahren, was hier allerdings zum Höllenritt wird. Die Vierrad-Akrobaten bewegen ihre Kisten hier, als gäbe es kein Morgen. Da überholen sich mal zwei uns Entgegenkommende oder wir werden direkt vor einer Kurve überholt, nicht auszudenken, was gewesen wäre, wäre ein Fahrzeug entgegen gekommen. Es ist für einen Vierrad-Fahrer in Deutschland absolut undenkbar mehr als drei Meter fuffzich hinter einem langsameren Gefährt herzufahren, überholen ist da zwingend erforderlich. Gesundheit und Leben der Anderen ist da von zweitrangiger Bedeutung. Und nur noch mal zur Verdeutlichung, es handelt sich hier nicht um eine Bundesstraße oder gar Autobahn, das hier ist eine Landstraße. Komisch, dass das in anderen Ländern funktioniert, in Deutschland sind Radfahrer auf Straßen immer noch Freiwild. So entschließen wir uns, die Straße zu verlassen und uns über Feldwege nach Stralsund zu schlagen. Auf dem ersten Teilstück, einem mit Betonplatten belegten Flurbereinigungs-Weg werden wir dafür von entgegenkommenden Autofahrern und –fahrerinnen noch viel heftiger angemacht. Man weicht uns weder aus noch fühlt man sich gemüßigt, vom Gas zu gehen, ein ganz besonders dummes Exemplar, schwerst geschminkt im roten Mercedes touchiert uns fast und wirft uns auch noch einen Vogel durch`s Fenster. Ich bin kurz davor, meine Zielkünste mit einem Stein auszuprobieren. Das lass ich aber dann doch, ich wünsche der Dame alles Gute und vor allem gute Besserung!
Jedenfalls erreichen wir den nächsten Ort und zweigen auch hier wieder ins Feld ab, werden vom eingeborenen Volk misstrauisch beäugt, hier kommen wohl nicht oft Radfahrer durch. Der Feldweg ist jetzt wirklich ein solcher, gerade noch befahrbar, aber wenigstens gibt es hier außer uns keinen Verkehr mehr. Bis auf ein paar wenige Meter kommen wir gut durch und erreichen nun auch bald Stralsund. Wir finden sofort den Weg zum Hotel und sind somit noch gut in der Zeit, als wir unser Hotel erreichen.

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Anschließend folgt das übliche Ritual mit Stadt erkunden, Bierprobe und Fischverkostung. Also alles, wie immer.